tapetopia 003

AIDS delikat

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Medium LP
Künstler / Autor Klick & Aus
Veröffentlichung 01.10.2020
Teaser / Slogan tapetopia 003
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Artikelbeschreibung

Aus dem Pressetext (Robert Mießner)
Im kurzen, aber heftigen Leben der Ostberliner Impro-Punkband Klick & Aus spielten Feiertage eine gewisse Rolle. In der Walpurgisnacht des Jahres 1983 trafen zwei der künftigen Bandmitglieder aufeinander: Sala Seil, Saxophonistin, Sängerin und Tänzerin, und Tohm di Roes, Dichter, Trommler und Sänger.


Im Sommer dann gesellte sich der Bassist ToRo Klick zu ihnen, mit dem di Roes bereits seit 1982 Rhythmen aus dem Boden stampfte. Das noch namenlose Trio eröffnete eine Ausstellung des Künstlers W.A. Scheffler in der privaten Galerie rot-grün, einer Produzentengemeinschaft um die Brüder Erhard und Mario Monden in der Sredzkistraße,
Prenzlauer Berg. Nach der geräuschhaften Performance war klar, eine Band hatte sich geformt: Klick & Aus, den Familiennamen des Bassisten mit einer militanten Assoziation mehrdeutig verschränkend.


Ihr Livedebüt beanspruchte gerade mal 15 Minuten: „Klick & Aus, das sind die, denen man den Strom ausgeschaltet hat“, erinnert sich Sala Seil. Spätere Darbietungen gerieten ähnlich burlesk bis grotesk. Mittlerweile zur Band gestoßen waren der Dichter Florian Günther, der sie wieder verlassen sollte, dazu Klicks Frau, Evolinum, an Fanfare und Geige und, die ungewöhnliche Besetzung klassisch abrundend, der Sänger Pjotr Schwert, ein Naturwissenschaftler mit dem DDR-Traumberuf Schlafwagenschaffner.


Das Orwell-Jahr 1984 lag in seinen späten Zügen, als Tohm di Roes auf dem Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz O-Töne aufnahm, Rummelplatzseligkeit und Durchsagen eines Kindersuchdienstes, die vor und zwischen die Stücke des
Kassettenalbums „AIDS delikat“ platziert wurden. Im Mahlsdorfer Tonstudio des Undergroundproduzenten Thorsten Philipp trafen schamanistische Brüllgebete, Songstrukturen und archaisches Sampling aufeinander: Klick & Aus spielten ein Amalgam aus Proto- und Postpunk, sie machten sich ost-westliche Einflüsse wie die Rasenden Leichenbeschauer, Captain Beefheart und Cabaret Voltaire zu eigen.


Der Klick & Aus-Sound atmete Unrast und Zickigkeit, gleich einer permanent brodelnden Kompanie, die kämpfen wollte, sich aber dem Gleichschritt verweigerte. „Einzelkämpfer“ hieß einer der zahlreichen di Roesʼschen Imperative zur Selbstermächtigung. Aus dem Diktat der „Proletarier aller Länder“ wurde bei ihm „Partisanen aller Länder, vereinigt euch!“ Dabei beriefen Klick & Aus eine Feier des Wilden und Rauschhaften ein, in der infantiler Männlichkeit ihr Platz zugewiesen wurde: „Ich bin Deine große Schwester“, von Sala Seil inspiriert und gesungen, bricht die Berserkerästhetik des Tapes.


Der Titel „AIDS delikat“ verschränkte das Rätselhafte einer neuen, im Westen aufgetauchten Krankheit mit den Delikat-Läden, in denen DDR-Bürger Lebensmittel des „gehobenen Bedarfs“ erstehen konnten. Klick & Aus wollten eine wertige Produktion. Die Bandmitglieder griffen in die eigenen Taschen, Leerkassetten der staatlichen ORWO-Produktion kamen
nicht in Frage. Das Cover wurde von Sala Seil gesetzt und entstand in einer Privatdruckerei
im Prenzlauer Berg.


1985 verließ Tohm di Roes die DDR. Vorher sind einige Konzerte bezeugt, so im Rahmen des INTERMEDIA-Festivals in Coswig am 01. Juni 1985. Bereits am 30. April jedoch hatte di Roes im Rahmen einer entgrenzten Dampferfahrt auf dem Müggelsee niemand anderen vertont als Goethe. Und zwar dessen Walpurgisnacht.


Mitglieder:
Sala Seil (Saxophon, Gesang); Evolinum (Fanfare, Geige); Tohm di Roes (Schlagzeug, Gesang); Pjotr Schwert (Gesang); ToRo Klick (Gitarre, Bass)
Produktionsjahr 1984


Die Serie tapetopia veröffentlicht, unter Verwendung des Original-Layouts und der ursprünglichen Tracklists, Kassetten-Editionen aus dem DDR-Underground der 1980er Jahre, speziell aus der Mauerstadt-Szene Ostberlins. Über drei Jahrzehnte nach ihrer ersten „Veröffentlichung“ sind diese Tapes bisher weder auf Vinyl noch auf CD zu hören, sie mischten jedoch im Kanon der DDR-Subkultur vernehmbar mit. Im Widerspruch zu den damaligen Kleinstauflagen galten viele der Bands in gegenkulturellen Zirkeln als Kult, aber in informierten Kreisen als höchst verdächtig. tapetopia wird herausgegeben von Henryk Gericke.

Titelliste
  1. 1.

    Seite A
    1. Infekt - Intro 2,05
    2. gebt mir Schnaps/ E. Mühsam 1,31
    3. astrale Reflexe 0,13
    4. scheiß Dich nicht an man 1,30
    5. slow virus 2,51
    6. Kindersuchdienst 0,14
    7. die Macht überkommt mich / W.S. Burroughs 1,29
    8. uns ist der Sieg 1,41
    9. halt mich fest 3,15
    10. ich bin deine große Schwester 1,39
    11. Kindersuchdienst II 3,54

  1. 2.

    Seite B
    1. das Schicksal der Lymphozyten 6,24
    2. Einzelkämpfer 2,38
    3. keine Rettung 1,27
    4. Kindersuchdienst III 0,34
    5. der Vergnügungsdampfer sinkt 2,28
    6. Systeme rasten ein 1,32
    7. spermium letalis 3,24
    8. Lechzverkehr der die Sperrzone 1,40
    9. Kindersuchdienst IV

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